Bauch weg? Wieso abnehmen?
Das Hauptproblem mit „Bauch weg“ ist leider, dass niemand rechtzeitig schreit: „Bauch da!“ Ohne Vorwarnung guckt man eines Tages in den Spiegel und realisiert: da steht ein anderer Mensch. Wer in aller Welt ist das?
Wenn man einen Partner hat, der in solchen Dingen nicht ehrlich ist, oder den das nicht kümmert, dann kommt der Bauch ohne Warnung.
Nicht nur in festen Partnerschaften, aber häufig gerade da, kommt man früher oder später in eine gemeinsame Alltagsroutine.
Man gibt vielleicht für den Job oder das Studium den Sport auf, man kocht zu Hause, man sieht gemeinsam fern anstatt zu joggen oder auszugehen – ist doch so schön kuschlig – man fährt nicht mehr Fahrrad sondern Auto, man geht nicht mehr tanzen, man hat doch jetzt jemanden gefunden… und dem Partner ist es doch „nicht so wichtig“ wie man aussieht, denn „du bist doch mein Bärchen“, „mein Schnuckiputz“, „mein Schatzispatz“ und so weiter.
Siehst du in diesen Kosenamen auch lauter kleine, rundliche Figuren? Ich würde es so formulieren: „Du bist süß, aber mit „Bauch weg“ wärst du noch süßer…“
Warum raus in die Kälte, wenn man auf dem Sofa sitzen und knabbern kann? Warum sich bewegen, wenn man zusammen sitzen und das Leben genießen kann? Warum sich nach noch mehr recken und strecken, wenn man doch zu Hause alles hat, was man braucht?
Und eines Tages ist er da, der Feind im eigenen Bett – dein Bauch. Und du denkst nur eines: „Wie bekomme ich diesen Bauch weg? Gehört er überhaupt mir? Er fühlt sich so fremd an…“
Wer ist schon so gemein und fragt dich: „Sag’ mal hast du zugenommen?“ oder – scherzhaft – „Wann isses denn so weit?“ Und doch denken alle das gleiche: Du bist fett geworden.
Wie tragisch. Merkst du das gar nicht? Hörst du dich schnaufen? Passt du noch in die Economy Class oder fliegst du schon gar nicht mehr? Wann warst du zum letzten Mal auf der Waage? Wo ist die überhaupt? Willst du deinen Bauch weg kriegen, oder bist du schon so apathisch, dass dich nichts mehr interessiert? Höchste Zeit!
Muss der Bauch weg ?
Ich habe in meinem Alter (40) zwei Sorten von Freunden: die einen sind schlank geblieben, die anderen sind dick geworden. Die einen sehen noch ungefähr so aus wie früher in der Schule, OK, ein paar Falten mehr, aber im Prinzip auf Anhieb zu erkennen – und die anderen sehen heute aus wie ihre Eltern. Oder nein, sie sehen aus wie die Eltern meiner schlank gebliebenen Freunde. Was ist geschehen? “Bauch weg!” heißt der erste Gedanke. Ohne Bauch wärt ihr wieder meine alten Kumpel!
Unser heutiges Leben ist viel bequemer, und im Durchschnitt auch sehr viel länger als das, was man noch vor hundert Jahren geführt hat. Selbst mit Dienstpersonal musste der Mensch ein Vielfaches an manuellen Handlungen verrichten: statt sprühen und wegwischen musste man schrubben, statt nur die Dusche anzudrehen musste man Badewasser überm Ofen heizen, statt zu telefonieren musste man Freunde besuchen – man musste Treppen steigen, zu Fuß gehen, Feuer machen, Wasser und viele Utensilien des täglichen Lebens schleppen, man musste reiten, Pferde striegeln und füttern, man musste Kerzen, Öllampen und Fackeln anzünden, klobige Technik bedienen und viel improvisieren. Und auch die Ernährung war anders: es gab weniger Zucker in den Nahrungsmitteln, und für die Mittel- und Unterschicht gab es auch weniger Fleisch, meist nur einmal pro Woche.
Gleichzeitig musste man gesund leben und versuchen, schlank zu bleiben, nicht nur weil das Leben anstrengender war – sondern weil die medizinische Versorgung einem kein langes oder gesundes Leben garantieren konnte. Zum Beispiel gab es noch keine Antibiotika.
Dick sein war “lebensgefährlich”, “Bauch weg” war dein Retter… schlank und gesund war Trumpf. „Bauch weg“ war mehr als ein Achselzucken wert, es war ein Alarmsignal – ein Bauch bedeutete keine einfache Unbequemlichkeit, keine „nette Rundung“, keinen „Vorrat für magere Zeiten“ – ein Bauch konnte ein kürzeres und sehr viel anstrengenderes und kränkeres Leben bedeuten.
Und heute? Wir bestellen uns Pizza im Internet, gucken YouTube oder DVD, gehen vom Wohnzimmer zur Tür, dann in die Küche um Teller und Cola zu holen, dann zurück – das war’s mit der Gymnastik.
Wir benutzen Autos, Fahrstühle, Drehstühle mit Rollen, Slipper-Schuhe, knitterfreie Kleidung, Waschmaschinen, Trockner, Brotbackmaschinen, Staubsauger, Föhns, Sensortasten, Spracherkennung, Touch Screens, Fernbedienungen, Handys, Laptops, WLAN, mp3 Player und demnächst auch Haushaltsroboter – Leben on-demand.
Was so leicht und attraktiv aussieht ist eine Falle: die „Bauch da!!!“ Falle. Wenn man die Veranlagung dazu hat, dann kommt er, und nur wir können ihn aufhalten. Aber wie verwandeln wir das „Bauch da!“ in ein selbstbewusstes und endgültiges „Bauch weg!“???




